X verkauft User-Namen, um Umsatz anzukurbeln, während Milliardenstrafe droht
Elon Musk setzt auf neue kontroverse Einnahmequellen bei X. Parallel droht der Plattform wegen DSA-Verstößen eine Milliardenstrafe aus der EU.

Inactive usernames may soon find new homes – for a price.
Diese Zeile aus einer internen FAQ ist mehr als nur ein technisches Update.

Sie deutet auf ein neues Monetarisierungsmodell hin, das X unter Elon Musks Führung jetzt offenbar umsetzen will: den Verkauf inaktiver Nutzer:innennamen. Das Startgebot liegt bei 10.000 US-Dollar. Der App-Forscher Nima Owji wies kürzlich auf X darauf hin, dass die Preise für ungenutzte Handles sogar über 500.000 US-Dollar liegen können. Außerdem entdeckte er Hinweise auf Rabatte beim Kauf mehrerer Nutzer:innennamen.
BREAKING: X handles' prices start at $10K and range up to over $500K! pic.twitter.com/Mv2cSvImcs— Nima Owji (@nima_owji) April 3, 2025
Premium Handles als Prestigeprodukt?
Was für viele Nutzer:innen absurd klingt – plötzlich das eigene Handle zu verlieren, obwohl man die Plattform vielleicht nur vorübergehend nicht nutzt – könnte für X ein lukratives Geschäftsmodell sein. Denn laut Plattformrichtlinien kann ein Account nach 30 Tagen ohne Login als inaktiv gelten und unter Umständen entfernt werden. Damit sollen neue Einnahmen generiert werden, jenseits von Werbung und Premiumabos. Laut TechCrunch zeigen aktuelle Code-Änderungen der Plattform: Verifizierte Organisationen sollen gezielt Anfragen für inaktive Handles stellen können.
Die Idee ist nicht neu. Bereits Ende 2022 deutete Elon Musk selbst auf X (damals noch Twitter) an, dass eine große Bereinigung des Namensraums bevorstehe.
Twitter will soon start freeing the name space of 1.5 billion accounts— Elon Musk (@elonmusk) December 9, 2022
Damit machte er früh klar, dass ungenutzte Accounts und ihre Nutzer:innennamen langfristig nicht unangetastet bleiben würden – ein Vorbote der aktuellen Entwicklungen rund um den geplanten Handle-Verkauf. 2023 berichtete dann die New York Times, dass X plane, begehrte Nutzer:innennamen zu versteigern. Damals war die Plattform noch in der Findungsphase nach dem Twitter Rebranding. Ebenfalls im Jahr 2023 ließ X zahlreiche inaktive Accounts löschen, um Platz im Namensraum zu schaffen.
We’re purging accounts that have had no activity at all for several years, so you will probably see follower count drop— Elon Musk (@elonmusk) May 8, 2023
Laut einem Bericht von Forbes vom November desselben Jahres sondierte X damals aktiv mögliche Käufer:innen für brachliegende Handles – ohne jedoch eine offizielle Verkaufsstrategie zu kommunizieren.
Jetzt nimmt das Thema neue Fahrt auf. Laut Owji wird aktuell eine automatisierte Handle Inquiry-Funktion ausgerollt. Organisationen, die bereits 1.000 US-Dollar monatlich für den Verifizierungsstatus zahlen, könnten darüber künftig auch inaktive Handles anfragen und erwerben – ab 10.000 US-Dollar aufwärts. Einige könnten sogar sechsstellige Summen fordern. Auch wenn X in einer aktuellen Dokumentation weiterhin betont, inaktive Nutzer:innennamen „derzeit nicht freigeben zu können“, gibt es immer wieder Berichte über inoffizielle Käufe, die außerhalb eines formellen Prozesses stattgefunden haben sollen.
Nach dem Kauf soll der Handle binnen ein bis zwei Tagen übertragen werden. Auch Mengenrabatte bei größeren Handle-Paketen sind laut interner FAQs möglich – ein Hinweis darauf, dass X hier langfristig mit großen Unternehmen und Marken rechnet, die sich gleich mehrere Varianten sichern wollen.
Mehr als nur Cashflow: Musk will X’ Relevanz steigern
Elon Musks Plattformstrategie ist mittlerweile deutlich erkennbar: Aus X soll ein zentralisiertes Kommunikations-, Medien- und KI-Ökosystem entstehen – und die Optionen zur Monetarisierung werden ausgeschöpft. Mit der Übernahme durch xAI, Musks KI-Unternehmen, wurde der Grundstein dafür bereits gelegt. In unserem Artikel haben wir diese Strategie analysiert.
xAI übernimmt X:
Musk verschmilzt KI-Kompetenz mit Plattformmacht
Die Auktion von Usernames ist also nicht bloß eine weitere Einnahmequelle, sondern Teil eines größeren Umbaus. Gleichzeitig übt das Modell indirekt Druck auf Nutzer:innen aus. Wer nicht aktiv bleibt, riskiert, das eigene Handle zu verlieren – oder später teuer zurückkaufen zu müssen. Das könnte zwar die Aktivitätsrate steigern, gefährdet aber das Vertrauen und die Bindung zur Plattform
Zwischen Kommerzialisierung und Compliance: Druck aus Brüssel
Während intern an neuen Erlösmodellen gearbeitet wird, wächst von außen der regulatorische Druck. Die New York Times berichtete jüngst, dass X vonseiten der EU im Sommer 2025 eine Milliardenstrafe drohen könnte. Der Vorwurf: Verstöße gegen den Digital Services Act (DSA).
Laut EU-Angaben habe X wiederholt gegen Transparenzpflichten und Vorgaben zur Moderation verstoßen. The Verge beruft sich in seiner Berichterstattung auf die NYT und nennt mögliche Sanktionen von über einer Milliarde US-Dollar.
In diesem Kontext wirkt der geplante Handle-Verkauf wie ein taktischer Schritt. Neue Liquidität soll geschaffen werden, bevor die Regulierung durchgreift. Gleichzeitig wächst der Druck vonseiten der Meta-Konkurrenz Threads und der dezentralen Alternative Bluesky. Auch Barack Obama sich zuletzt auf Bluesky positioniert.
Hallo Bluesky:
Obama macht die X- und Threads-Konkurrenz zur Social-Plattform der Stunde

Teurer Handle, riskantes Spiel
Für Unternehmen, die ihre Marke auf X absichern wollen, könnte der Handle-Verkauf eine attraktive Option sein. Doch der Preis ist hoch. Und der Schritt zeigt, wie stark X inzwischen auf kurzfristige Monetarisierung angewiesen ist.
Denn wer seine Plattformrelevanz durch den Verkauf digitaler Namensrechte sichern muss, sollte sich Fragen zur Nachhaltigkeit stellen. Für Nutzer:innen bleibt offen, wie transparent und fair das neue Modell umgesetzt wird. Wer sein Handle behalten will, sollte besser aktiv bleiben.